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Das alte Städtchen Lijiang

    Guia Lijiang-2Wenn man Lijiang in der Provinz Yunnan im südwestlichen China erreicht, ist man nicht mehr weit vom legendären Shangri-La entfernt.

    Im Jahre 1933 tauchte das Wort „Shangri-La" zum ersten Mal im Roman The Lost Horizon des britischen Schriftstellers James Hilton auf. Es ist ein Ort, wo Menschen in Frieden und in Harmonie mit der Natur leben. Der Autor ließ sich von seinen Eindrücken aus Chinas Südwesten inspirieren.

    Das alte Städtchen Lijiang war ursprünglich nur ein Basar auf der Yunnan-Tibet-Handelsroute. Die kleine Stadt, die 3,8 Quadratkilometer umfasst, ist über 800 Jahre alt. In den ersten Jahrhunderten ihrer Existenz wurden in seinen Straßen zahlreiche Geschäfte und Herbergen eröffnet, unzählige Karawanen kamen und gingen. Auch heute noch gehen viele Mitglieder der 6000 Haushalte des Ortes den gleichen Beschäftigungen wie ihre Vorfahren nach: der Herstellung von Bronze- und Silberwaren, der Kürschnerei oder dem Betreiben von Gasthäusern und Läden.

    Shuhe27Geht man durch das Städtchen, erhält man einen unmittelbaren Eindruck seiner schlichten Schönheit. Die Straßen sind mit Steinplatten gepflastert, welche die Straßen vor den Pferdehufen der Karawanen schützten und den Einwohnern noch heute die Bequemlichkeit bieten, an sonnigen Tagen den Staub niedrig zu halten und an Regentagen die Bildung von Pfützen zu verhindern.

    Anders als andere alte Städte, ist Lijiang nicht von einer Stadtmauer umgeben. Außerdem hat das Städtchen keine Zentralachse, zu deren Seiten Gebäude in symmetrischer Ordnung arrangiert wären. Alte Handelsrouten und Feldwege nähern sich Lijiang aus allen Richtungen und vereinigen sich mit den Gassen des Städtchens. Die Gassen münden wiederum in vier Hauptstraßen, die zu einem 500 Quadratmeter großen Platz führen. Dies ist die so genannte Viereckige Straße, wo sich früher ein blühender Markt befand.

    Die gewundenen Gassen und Straßen sind von Wohnhäusern aus Holz, Lehm und Backstein gesäumt. Das alte Städtchen Lijiang wirkt naturwüchsig, friedlich und ruhig.

    Der übliche Grundriss der Höfe von Lijiang folgt dem Prinzip „drei Häuser plus eine Schutzmauer" — das Hauptgebäude steht im Zentrum, zwei Seitentrakte und eine auf das Haupthaus hin ausgerichtete Schutzmauer schließen den Hof ab. Jedes Haus hat zwei Geschosse mit je drei Räumen. Das Hauptgebäude ist meistens nach Süden ausgerichtet, da es den ältesten Mitgliedern der Familie Vorbehalten ist. Die zwei Häuser im östlichen und westlichen Flügel dienen als Wohnstatt der jüngeren Generation. Ein anderer Grundriss ist ebenfalls beliebt: Er besteht aus einem Hauptraum, zwei Seitenräumen und einem „niedrigen Raum", der auf den Hauptraum ausgerichtet ist. Die verschiedenen Trakte bilden einen viereckigen Gebäudekomplex. Neben dem Hof im Zentrum gibt es je einen kleinen Hof an jeder Ecke des Komplexes. Diese Art von Hofhaus nennt man „Viereckiger Komplex mit vier Höfen". Der Boden des Gebäudekomplexes ist mit Kieseln oder farbigen Steinen gepflastert, die zu verschiedenen Glücks verheißenden Symbolen angeordnet sind.

    Die alten Straßen und Wohnhäuser von Lijiang mögen sehr schlicht wirken, aber sie sind ein Werk des Menschen und Zeugnis seiner Kultur. Die schneebedeckten Berge der Umgebung hingegen sind Ausdruck der ungezähmten Natur, während die gurgelnden Bäche, die durch das Städtchen fließen, geeignet sind, die Entfernung zwischen Mensch und Natur zu verringern. Der Jade-Drachen-Berg thront majestätisch über dem Städtchen, sein Gipfel ist das ganze Jahr über schneebedeckt. Das kühle Schmelzwasser fließt den Abhang hinunter und vereinigt sich mit dem

    Wasser der Bergquellen. Drei Hauptläufe verästeln sich zu zahllosen Bächen, die entlang der Straßen in das Städtchen fließen. Manche dringen sogar durch Hofmauem und setzen ihre Reise erst fort, nachdem sie die Bewohner der Höfe begrüßt haben! Die größten Bäche, die durch das Städtchen fließen, sind drei oder fünf Meter breit, die schmälsten jedoch nur einen Meter. Sie sind nicht tief, fließen kristallklar und schnell. Das freundliche Gurgeln der Bäche ist überall in Lijiang zu hören, besonders bei Nacht fühlen die Menschen, dass sie in der Nähe der Bergquellen leben. Ihr Wasser verleiht dem Städtchen einen anregenden Rhythmus. Die Menschen fühlen sich innerlich gereinigt und frei von den Sorgen der Welt.

    Die Wasserläufe, die alten Straßen und kleinen Brücken stehen für die äußere Erscheinung von Lijiang. Die Menschen jedoch stehen für die Seele des Städtchens.

    Die Einwohner der Stadt zählen mehrheitlich zur Naxi- Nationalität. Ihre Vorfahren verehrten die Natur, und betrachteten eine Reihe von Vögeln und Säugetiere als heilige Wesen. Eine Sage erzählt, dass der erste Mensch und der Gott „Shu" Halbbrüder waren. Shu war zuständig für Berge, Wälder, Flüsse, Seen und Wildtiere. Am Anfang lebten die Brüder harmonisch miteinander. Aber später führte die Habgier des Menschen zur Vernichtung der Wälder, der Verunreinigung von Flüssen und der Ausrottung von Tieren. Shu war sehr ärgerlich und beschloss, die Menschen zu bestrafen. So kamen Krankheiten, Hochwasser und Erdbeben in die Welt. Deshalb opfern die Naxi alljährlich dem Shu, bitten ihn um Glück und beten dafür, von Katastrophen verschont zu bleiben.

    Man glaubt, dass Shu nahe den Quellen der Flüsse lebt. Deshalb ist es bei den Naxi verboten, Wasserquellen zu verunreinigen, in ihrer Nachbarschaft Bäume zu fällen und Lärm zu machen. In Lijiang stehen überall Steintafeln. Auf ihnen werden die Menschen dazu aufgefordert, Wasser. Bäume und Berge pfleglich zu behandeln.

    Es gibt viele Brunnen in der Altstadt von Lijiang. Es ist allgemein üblich, dass ein Brunnen aus drei „Unterbrunnen" besteht, die getrennt Wasser spenden für Trinken, Spülen und Waschen. Bei manchen Brunnen sind für Passanten kleine Schüsseln bereitgestellt. Die Bewohner der Stadt haben die Gewohnheit, die Straßen gründlich zu reinigen. Früher wurden nach Marktschluss auf dem Basar die Wasserläufer gedämmt, dadurch floss das Wasser auf die Viereckige Straße und in die nahen Gassen. Obwohl diese organisierte Aktivität zur Reinigung der Straßen längst Geschichte ist, holen die Leute auch heute noch Wasser aus den Bächen und putzen vor ihren eigenen Häusern gründlich die Straße. So kommt es, dass die Straßen in Lijiang immer sauber sind, besonders am frühen Morgen.

    naxi25In der Naxi-Familie kümmern sich die Frauen um den Haushalt, während die Männer weitgehend von Tätigkeiten dieser Art freigestellt sind. Die Frauen arbeiten das ganze Jahr hindurch hart. Sie scheinen niemals zu ruhen, bis alt sind und ins Grab sinken. Die bestickte Cape, das sie über ihrer Schulter tragen, scheint wie ein Symbol der schweren Pflichten, die sie täglich auf sich laden. Aber sie bleiben gleichgültig gegen ihr hartes Schicksal, sie sind bescheiden und leben einfach, als ob die Jahre ihrem Leben keinen Stempel aufgedrückt hätten.

    Im Gegensatz zu ihnen sind viele Männer in Poesie. Kalligrafie, Malerei und Musik sehr gut bewanden. Wichtiger als erfolgreiches Wirtschaften scheint für sie zu sein, die traditionelle Kultur von ihren Vätern zu erwerben und zur vollen Entfaltung zu bringen. Klassische Naxi- Musik ist in Lijiang überall zu hören. Jedes Dorf hat eine traditionelle Musikkapelle. Die traditionelle Naxi-Musik wird als Relikt antiker Musik betrachtet, weil man glaubt.

    dass sich in ihr musikalische Formen bewahrt hätten, die bis zu tausend Jahre alt sein sollen. Diese musikalischen Elemente sind in anderen Gebieten des Landes längst verloren gegangen.

    Es ist keinesfalls so, dass nur den Männern die angenehmen Seiten des Lebens Vorbehalten wären. Jedes Jahr wird in Lijiang ein Blumen-Jahrmarkt organisiert, alle Familien stellen dann ihre schönsten Topfpflanzen und künstlichen Miniaturlandschaften aus. In ihren Höfen züchten die Leute Blumen, für viele ein Hobby, an dem sie ein Leben lang festhalten. Die Mitglieder einer Familie treffen sich inmitten der Blütenpracht ihrer Höfe, trinken Tee und vertreiben sich auf das Angenehmste ihre Zeit. Das Organisieren von Festessen ist ein weiterer erfreulicher Aspekt des Lebens in Lijiang. Verwandte und Freunde verabreden sich zu Festessen, die in regelmäßigem Turnus von jeweils einer anderen Familie ausgerichtet werden. Manchmal nehmen diese Festessen auch die Form eines Picknicks an. Die Kosten für das Mahl werden gemeinsam getragen, aber das Essen wird jedes Mal von einer anderen Familie zubereitet. Bei dieser Art sozialer Aktivität spielen Frauen oft die zentrale Rolle.

    Die Naxi pflegen ihre eigene Kultur: Die Dongba-Kultur. Sie umfasst das Dongba-Schriftsystem, die in dieser Schrift verfasste Dongba-Literatur, die Dongba-Malerei, die Dongba- Musik. den Dongba-Tanz und die Dongba-Opferriten. Dongba bedeutet in der Naxi-Sprache ..der Weise" oder ..der Meister". Die Naxi-Weisen und -Meister erben die alte Kultur ihres Volkes und überliefern sie der folgenden Generation. Sie kennen sich hervorragend in der schriftlichen Überlieferung ihres Volkes aus und stellen die Elite der Dongba-Kultur.

    Die Dongba-Schriftzeichen bilden das einzige heute noch gebräuchliche System einer Bilderschrift. Nur die Naxi haben in den letzten Jahrhunderten ihre Geschichte in zahlreichen Büchern mit einer Bilderschrift aufgezeichnet. Mehr als 20 000 Bände von Dongba-Schriften befinden sich heute in chinesischen und westlichen Bibliotheken. Diese klassischen Werke sind die Enzyklopädie der alten Naxi-Kultur.

    Der amerikanische Gelehrte Joseph Locke wird „Vater der Naxi-Forschung" genannt. Von 1923 an lebte er 27 Jahre lang in dieser Region. In seinen letzten Tagen schrieb er einem Freund: „Aus dem Leben treten möchte ich lieber inmitten der Blumen des schneebedeckten Yulong-Berges, als einsam auf einem Sterbelager im Krankenhaus."

    Lijiang ist ein Ort, der niemals in Vergessenheit geraten wird.

    1997 wurde Lijiang von der UNESCO in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen.

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